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ACTA GERMANICA.

ORGAN FUR DEUTSCHE PHILOLOGIE

HERAUSGEGEBEN VON RUDOLF HENNING.

Neue Reihe.

Heft 2:

Das Verhältnis von Hans Sachs zur sogenannten Steinhöwelschen Decameronübersetzung.

Von

Julius Hartmann.

Berlin. Mayer & Müller. 1912.

ACTA GERMANICA. NEUE REIHE, HEFT 2.

Das Verhältnis von Hans Sachs

zur

sogenannten Steinhöwelschen Decameronübersetzung.

Julius Hartmann,

Berlin. Mayer & Müller. 1912. QERMANY

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Verzeichnis der gebrauchten Abkurzungen.

B. d. L. V. = Bibliothek des Literarischen Vereins Stuttgart. schwä Goetze-Drescher „Sämtliche Fabeln und Schwänke von H. Sachs“. 5 Bde. (6. in Vorbereitung). Hall. Neudrucke deutscher Literaturwerke

1893—1904.

K. = Keller-Goetze ,,H. Sachs Werke“; 26 Bde. 1871— | 1908, B. d. L. V.

Dec. oder Übers. = „Decameron“ hsg. v. Keller. B. d. L.V. Bd. 51. Transl. d. N. v. Wyle = „Translationen“ v. N. v. Wyle,

hsg. v. A. v. Keller n Bd. 57. Ayrer = = „Ayrers Dramen“ 5 Bde. hsg.

v. Keller Bd. 76—80. „Schi. u. E.“ = Pauli „Schimpf und Ernst“,

hsg. v. Österley > Bd. 85. „Zimm. Chron.“ = ,,Zimmerische Chronik“, hsg. v.

Barack Bd. 91—94. „Wendunmuth“ Kirchhoff „Wendunmuth‘“, hsg.

v. Österley; 5 Bde. Bd. 95—99. Tünger fac. = Tinger ,,Facetiae“ = Bd. 118. Lind. ,,Rasthiichl.“ = „Rastbüchlein“ in Lindeners

„Schwankbücher“, hsg. v.

Lichtenstein 5 Bd. 163. Schumann ,,Nachtb.“ = Schumann _,, Nachtbichlein“, :

hsg. v. Bolte = Bd. 197. Frey „Gartg.“ Frey „Gartengesellschaft‘, hsg.

v. Bolte 3 Bd. 209. Montanus „Gartg.“ == Montanus ,,Gartengesellschaft“

n „Wegk.“ = ,,Wegkirzer“, enthalten in Montanus ,,Schwankbiicher“, hsg. v. Bolte n Bd. 217.

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Wickram ,,Galmy“ B.d.L.V. Bd. 222.

„Gabriotto“ = Wickram ,, Werke“ hsg. v. Bd. 222. „Goldfaden“ Bolte ý Bd. 223. „Rollwagen“ j Bd. 229. stud. II anhg. = C. Drescher „Studien zu H. Sachs“. Neue Folge. Anhang. Goed. „Dichtg.“ = Goedeke „Dichtungen v. H. Sachs.“ Mahrold = Mahrold ,,Schmahl vnndt Kahl Roldmarsch Kasten“ 1608 (Manuskript der Kasseler Landesbibl.). „Schertz m. d. W.“ „Schertz mit der Warheyt“. Frankfurt a. M. b. Egenolff 1550 und 1563 (Königl. Bibl. Berlin).

„Ges. Abent.“ . = von der Hagen ,,Gesammt Abenteuer“.

Einleitung.

Wahrscheinlich im Jahre 1472 erschien in Augsburg bei Zainer eine Verdeutschung von Boccaccios „Decameron“, die lange Zeit dem Arzte Heinrich Steinhöwel zugeschrieben wurde '). Ein Buch mit einem so reichen Schatze von Er- zählungen zudem noch meist pikanten Inhaltes konnte seine Wirkung auf die damalige Zeit nicht verfehlen, und die Mehrzahl der Autoren des 16. Jahrhunderts schöpfte aus ihm, die einen mehr, die andern weniger. Begnügten sich manche mit einer mehr inhaltlichen Benutzung, wie Ayrer, Wickram, ,Schertz mit der Warheyt“, Kirchhoff etc., so scheuten sich andere, besonders Schwankdichter wie Mon- tanus, Lindener, Mahrold etc., bei dem weiten Gewissen, das man damals fiir Plagiate hatte, nicht, ganze Novellen Wort für Wort in ihre Bücher hinüberzunehmen.

Schon Friedrich Wilhelm Schmidt wies 1818 in seinen „Beiträgen zur Geschichte der romantischen Poesie in - Deutschland“ auf die Einflüsse hin, welche diese Decameron- übersetzung auf die deutsche Literatur ausgeübt hat.

1) Ausgabe von Adalbert von Keller, B.d. L. V. Bd. 51. Auf sie beziehen sich alle Zitate: „Übers.“ od. „Dec.“ Für die Ausgaben ver- weise ich auf Kellers Ausführungen S. 682, ferner auf Bolte „Montanus Schwankbücher“ (B.d.L.V. 217, XIII, Anm. 4) und auf Möller „Arigo und seine Werke“ Leipz. Diss. 1895 S. 19fl. Für die Frage nach der Person des Verfassers s. Möller a.a.0. S.1ff.; Keller, a. a. 0. S. 681; Allgem. D. Biographie 35, 735; B.d.L.V. 205, 43; Q. F. 96, 106, Z. f. V. L. R. 13, 447—69.

Julius Hartmann, Hans Sachs und Steinhöwel. 1

2 Einleitung. 2

Goedeke erweiterte die Kenntnis der auf die Novellen zu- rückgehenden Literatur beträchtlich (siehe „Grundriß“ I (1884), 386. II (1886), 467, 472, 418 f.) In den Anmer- kungen zu ihren Ausgaben der Schwankbücher des 16. Jahr- hunderts mußten dann Keller, Oesterley und in neuster Zeit besonders Bolte immer wieder als Quelle eines Schwankes den „Steinhöwelschen Decameron“ zitieren, und Drescher, Goetze und Stiefel haben manche Dichtung Hans Sachsens auf die Novellen zurückgeführt. Leider sind diese Angaben, da in den Anmerkungen zerstreut, wenig übersichtlich. Möller gab zwar bereits 1895 in seiner angeführten Disser- tation eine Zusammenstellung der auf Arigos Text beru- henden Werke, jedoch dürfte diese Übersicht veraltet und eine neue geboten sein. Bei einem Durchmustern der in Frage kommenden Literatur war es mir vergönnt, gelegent- lich für eine Geschichte das noch nicht bekannte Abhängig- keitsverhältnis von der Übersetzung festzustellen („Wendun- muth“, „Zimm. Chronik“, Mahrold.). Die Übersicht be- schränkt eich im nen auf das 16. Jahrhundert, das Zeitalter, das am meisten von der Übersetzung zehrte. Für die spätere Zeit und für die Literatur des Auslandes ver- weise ich auf Boltes Anmerkungen zu den von ihm heraus- gegebenen Schwankbüchern !), die ja nach dem Hinweis bei der betreffenden Dec. Novelle leicht in der B.d.L.V. zu- gänglich sind.

1) Bd. 197. Schumanns „Nachtbüchlein“; Bd. 209. Freys „Garten- gesellschaft“; Bd. 217. Montanus „Schwankbücher“.

Übersicht über die auf die Decameron-Übersetzung zurückgehende deutsche Literatur des XVI. Jahrhunderts. I, 1. | Ein Notar betrügt einen Pfaffen in der Beichte und wird nach

seinem Tode für heilig gehalten. Ayrer 56.

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Ein Jude wird Christ, trotzdem er die Verderbnis der römischen Kurie kennen lernt.

Bebel „Margarite facetiarum“, 1509, „historia de judaeo* = „Facetiae“ 1590, 24 = Frischlin ,facetiae selectiores“, 1600, bl. 31b = Joh. Gast ,Convival. sermon. liber“ (1541) 1554; I, 137. Bebel „facetien“ (deutsch 1558) 1606, 107. ,Wendunmuth* I; II, 5 und VI, 207. Sachs. mg. schwä 4, 4791). „Schertz mit der Warheyt“ 1550 bl. 58a; 1563 bl. 61a. „Kurtzweilige und lächerliche Ge- schicht und historien“ 1583, 194.

I, 3. Die Geschichte von den drei Ringen. Sachs mg. schwä 4, 240. „Schertz mit d. W.“ 1550 bl. 7a; 1563 bl. 8b. Mahrold 2. I, 4.

Ein Mönch fällt in Sünde (Dirne in Zelle), geht aber straffrei aus, da er seinen Abt zu demselben Vergehen verleitet. Montanus „Gartg.“ 98. Mahrold 3.

1) mg. = Meistergesang; sg. = Spruchgedicht; trag. = Tragödie; com. = Komödie; fastn. = Fastnachtspiel. 1 *

4 Ubersicht I, 6—II, 6. 4

I, 6. Ein Prälat wird für seine Habsucht bestraft (im Jenseits hundert- fache Vergeltung. Suppe. Alle Mönche müssen ertrinken). Sachs mg. schwä 3, 174 = Goedeke „Dicht.“ I, 160; fastn. 53, K. XIV, 304. I, 9. Ein ungerechter König wird durch die Rede einer Frau gerecht. (Er soll sie lehren, wie er derartige Ungerechtigkeiten, wie sie in seinem Lande geschehn, ertragen kann). Sachs mg. schwä 6, 865. II; 3. Einer gibt sich für lahm aus, wird entlarvt, geprügelt und ent- geht nur mit Mühe dem Galgen. „Schertz mit d. W.“ 1550 bl. 8a, 1563 bl. 9a. Mahrold 5. II, 2. Ein Kaufmann wird bis aufs Hemd ausgeraubt, gelangt zu einem Kastell, findet dort bei einer Frau Unterkunft und erhält am nächsten Morgen seine Habe wieder zurück. Sachs mg. schwä 4, 387; sg. K. II, 284; mg. schwä 6, 536. Mahrold 7. Von Montanus zitiert im Nachwort zum „Andreützo“.

Ein Kaufmann wird Seeräuber, verliert all sein Gut, rettet sich aus einem Schiffbruche auf einem Kasten und findet darin Edelgestein. Sachs sg. K. VIII, 630.

Andreützo entgeht drei großen Gefahren und wird durch einen Rubin für seinen Verlust und seine ausgestandene Angst entschädigt. Sachs mg. schwä 4,261°). Montanus „Andreützo“; „Gartg.“ 93. „Schertz m. d. W.“ 1550 bl. 33a; 1563 bl. 35b. Bütner „Epitome historiarum“ 1576, bl. 389a. Ayrer 31. Mahrold 76. Lundorp » Wissbadisch wisenbriinlein“ II nr. 2 (1611). II, 6. Beritola wird von ihrem Gatten und ihren beiden Söhnen getrennt und erst nach Jahren wieder mit ihnen vereint. Sachs sg. K. Il, 226; mg. schwä 5. 629; com. K. XVI, 100.

1) Der mg. von Sachs v. 25. Mai 1539 schwä 3, 106 („der dieb im grabe des pischoffs von Maincz“) zeigt doch zu wenig Ähnlichkeit mit dem zweiten Teile der Dec. Novelle, als daß man diese nach Goetze schwä 3 S. 228 An. als Quelle zitieren könnte. Es wird, da S. sich nie derartig von seiner Quelle zu entfernen pflegt, wohl eine andere Vor- lage anzunehmen sein.

5 Übersicht II, 8—III, 3. 5

11, 8.

Ein französischer Edelmann wird von seiner Königin fälschlich beschuldigt und muß nach England fliehen. Seine Kinder finden hier ihr Glück, und er selbst wird später in seinen Ehren rehabilitiert.

» Wendunmuth* 4, 851). Montanus „Spiel von einem Grafen“ ?); Möller „Arigo und seine Dec. Übersetzung“. Leipz. Diss. 1895, S. 72.

II, 9.

Barnabas wettet gegen Ambrogiolo 5000 Gulden auf die Treue seiner Gattin. Dieser überzeugt ihn durch listigen Betrug von der Schuld seiner Gemahlin. Barnabas gibt Auftrag, seine Gattin zu töten. Sie wird aber gerettet und beweist später ihre Unschuld. Ambrogiolo wird mit dem Tode bestraft.

Sachs mg. schwä 4, 294; com. K. XII, 40. „Schertz m. d. W.“ 1550 bl. 9a; 1563 bl. 10a. „Von den vier Kaufmännern“ 1495; vgl. Möller a.2.0. S.39 ff. Liebhold „historia von einem frommen- Kauffman von Padua“ 1596; Möller S. 63; vgl. „Ges. Abent.“ LXVIII.

11, 1. Masetto gibt sich für stumm aus, kommt als Gärtner in ein Kloster und beschläft die Nonnen. Montanus , Wegk.“ 29; ,Gartg.“ 96. Mahrold 44.

III, 2. Eine Königin wird von einem ihrer Diener, der mit ihrem Gemahle große Ähnlichkeit hat, beschlafen. Sachs mg. stud. II, anhg. 30.

III, 3. Durch ihren Beichtvater gibt eine Frau einem jungen Manne Kenntnis von ihrer Liebe und Gelegenheit zu einem Stelldichein. Bebel 1606, s. 470 (1570 p. 96). Frischlin s. 87 „De astutia mulierum“. Sachs mg. schwä 4, 510; sg. K. XXII, 454 = schwä

1) Wörtliche Berührungen:

» Wendunmuth* IV, S. 86 Dec. 8. 129 86 129, 32 86 130, 38 88 137, 38.

2) Von Möller versehentlich zu 11,7 zitiert.

6 Übersicht IIL, 6—III, 9. 6

1,107. Meisterlied!) im speten ton: „Wie ein Münch zwey zu- sammen kopelt on sein wissen“, 1515 Straßburg; (abgedruckt bei Bolte „Montanus Sohwankbücher“ s. 530). Montanus „gartg.“ 99. Hertzog „Schiltwacht“, bl. Aiija. Keller „Erzählungen aus altd. Handschriften“ s. 232 („dy falsch peicht“); s. 242 („von einem Münch“). Vgl. „Ges. Abent.* XIV.

III, 6.

Riczardus verleitet die Frau Filipellos unter dem Vorwande, daß ihr Gatte sich um die Liebe seiner Frau bewerbe, zu einem Stell- dichein.

Sachs mg. schwä 4, 474. III, 7. :

Durch einen strengen Beichtvater veranlaBt sagt eine Frau ihrem Buhlen ihre Liebe auf. Dieser wandert in die Fremde. Nach langen Jahren kehrt er zuriick und rettet den Gatten seiner ehemaligen Ge- liebten vom Tode.

Montanus „Thedaldus und Ermilina*. Wickram ,Galmy“ (Beichte, Wiedererkennen an einem Ring). Ill, 8.

Ein Abt bringt einem Bauern, um mit dessen Frau ungehindert buhlen zu können, den Glauben bei, er sei gestorben und befinde sich im Fegfeuer.

Sachs mg. schwä 3, 22; fastn. 42, K. XIV, 233 = Goed. „Dichtg.“ I, 94, vgl. Bebel 1606 s. 369; 1590 s. 84. Frischlin bl. 69b. „Wendunmuth“ I, 378. Bebel 1606 s. 160. „Schiltwacht“ bl. Hiijb. „Grillenvertreiber“ 1603 Kap. 38. „Wendunmuth“ 2,140, vgl. „Ges. Abent.“ XLV. III, 9.

Eine Jungfrau heilt den König von Frankreich. Zur Belohnung darf sie sich unter dessen Rittern einen Gatten auswählen. Dieser verschmäht ihre Liebe. Doch gelingt es ihr, sich seine Zuneigung zu gewinnen.

„Schertz m. d. W.“ bl. 35b, 1550; 1563, bl. 37b. Mahrold 83. Goedeke ,Grdri8“ II, 473.

1) Wörtliche Berührungen mit Dec. sind zahlreich: Dec. s. 176, 34 Bolte „Montanus“ s. 531,5

177,8 22 19 24 31 | 31 182, 9 533, 24

184, 6 534, 2.

7 Ubersicht III, 10—IV, 1. 7

1, 10.

Eine Heidin lebt mit einem Mönch zusammen, der sie den Bei- schlaf als ein Gott wohlgefälliges Werk kennen lehrt. („Teufel in die Hölle schicken“).

Mahrold 97. Vgl. ,Ges. Abent.“ XXVIII. IV,0. (Hinkleidung).

Kin Vater erzieht seinen Sohn fern von der Welt. Als er ihn zum ersten Mal mit unter Menschen nimmt, gefallen ihm am besten die Jungfrauen, die der Vater „Gänse“ nennt.

Montanus „Gartg.“ 76. Vgl. „Ges. Abent.“ XXIIJ. Haupt „Zt. f. d. Alt.“ 8 8. 95. IV, 1.

Die Tochter des Fürsten von Salerno Gismunda wird von ihrem Vater beim Buhlen mit einem seiner Diener ertappt. Der Fürst läßt diesen töten und sein Haupt seiner Tochter bringen. Gismunda nimmt daraufhin Gift.

Sachs mg. schwä 3, 4 = Goed. „Dichtg.“ I, 18; trag. K. II, 22. „Schertz m. d. W.“ 1550, bl. 42b; 1563 bl. 45a. Montanus „Guis- cardus und Sigismunda“. Volksbuch: „Eine schöne Historie von des Fürsten zu Salerno schöner Tochter Gismunda“ = Simrock „Deutsch. Volksb.“ 6, 1531). Mahrold 66. Von Wickram zitiert: „Galmy* s. 22; „Goldfaden“ s. 351, 13; „Gabriotto“ s. 225, 33 2); benutzt im „Gabriotto“ und „Goldfaden“ 3).

1) Das Volksbuch zeigt durchweg die größte sprachliche Überein- stimmung mit dem Wortlaute der Übersetzung. Doch finden sich auch ver- einzelt Stellen, die Verwandtschaft mit der Translation Nic. Wyles be- sitzen (B. d. L. V. Bd. 57), z. B. vgl. Simrock 6, s. 155 mit Wyle s. 80,6 (Dec. s. 247, 18) u. Simrock s. 156. Wyle s. 81,6 (Dec. s. 248, 16).

2) Hier finden sich wörtliche Anklänge an die Übersetzung, vgl. Dec. s. 254, 6 und 255, 10 mit „Gabriotto“ s. 225, 33 ff.

3) Vgl. Tiedge „Jörg Wickram und die Volksbücher“ Gött. Diss. 1904, s. 9 u. s. 16. Nicht teilen kann ich die Ansicht Tiedges s. 3: „Für die Erzählung von Gwiscardus und Sigismunda scheint Wickram die Translationen des Nic. v. Wyle benutzt zu haben, da auch er die Namen in lateinischer Form bringt, nicht wie die Decamerone-Übersetzung in italienischer.“ Dieser Verschiedenheit der Namen bei Wickram und in der Übersetzung ist nicht allzuviel Wert beizulegen, vor allem berechtigt sie noch lange nicht zu dem von Tiedge gezogenen Schlusse auf die be- nutzte Quelle. Die lateinischen Namen besassen wegen ihrer größeren Geläufigkeit und Gebräuchlichkeit den Vorzug vor den italienischen. So hat auch Sachs, der doch zweifellos die Dec.-Übersetzung. benutzt hat,

8 Übersicht IV, 2—IV, 5. 8

IV, 2.

Ein Monch beschlaft als Engel Gabriel eine Frau. Ihre Schwager

erfahren davon und vertreiben den Mönch. Sachs mg. schwä 4,260. Montanus „Wegk.“ 30. „Schertz m. d. W.“ 1550 bl. 56a; 1563 bl. 59a. Hertzog „Schiltwacht“ bl. D. 5a. Ayrer 57 u. 58. Mahrold 46. IV, 3.

Drei junge Gesellen fliehen mit ihren Geliebten, nehmen aber alle ein böses Ende.

Sachs mg. schwa 4, 482. IV, 4.

Gerbino liebt die Tochter des Königs von Tunis. Ein Schiff, das die Königstochter zu ihrem künftigen Gemahle bringen soll, nimmt er gegen das Verbot seines Oheims und muß deshalb sterben.

Sachs mg. schwä 3, 5. IV, 5.

Lisabetta liebt Lorenzo, den Knecht ihrer Briider. Diese erlangen Kenntnis von dem Verhältnisse und töten Lorenzo. Lisabetta stirbt gebrochenen Herzens.

schwä 3, 4,42, „Gwischardus“ in „Guiscardus“ geändert, ebenso hat Mon- tanus „Guiscardus“ und z.B. „Wegkürzer“ 38 „Hieronymus“ für „Gero- nimo“ der Übersetzung. Was sollte übrigens Wickram, wo doch eine Be- nutzung anderer Novellen des Dec. durch ihn nicht nur inhaltlich, auch wörtlich sicher ist, veranlaßt haben, plötzlich der Übersetzung untreu zu werden und gerade für eine Novelle Wyle heranzuziehen. Die von Tiedge s. 17f. zum Vergleich mit „Goldfaden“ s. 365 f. angeführte Stelle aus der Translat. Wyles s. 85 läßt sich ebensogut durch Dec. IV, 1 er- setzen, ja gelegentlich steht „Goldfad.“ Dec. viel näher als Wyle. Z.B. „Goldf.“ s. 366, 12: „in allen mannlichen und dapffern sachen ge- prisen werden“; Dec. s. 253, 11: „gebreiset in allen loblichen sachen —- darinn eynen ieklichen man —“; Wyle s. 87,1: „dann wer ist von dir so vil ye gelopt worden als er in allen vnd yetklichen wercken, so zu übung der tugenden gehörig sint.‘“ Ich ergänze Tiedges Ausführungen durch folgende, wörtliche Berührungen zeigenden Parallel- stellen des „Gabri.‘“ und der Übersetzung:

„Gabriot.“ s. 360, 15 f. Dec. s. 255, 19 f. s. 361, 18 s. 255, 29 f. 8. 25 s. 256, 14 f. s. 866, 14 s. 255, 5f.

Die Translation Wyles (Tiedge s. 17) ersetze ich durch die entsprechenden Dec.-Stellen: Dec. s. 251, 37 = „Goldfaden“ s. 365, 21.

9 Uhersicht IV, 6—IV, 10. 9

Sachs sg. K. II, 216; mg. schwä 3, 3 = Goed. „Dichtg.“ I. s. 32; trag. K. VIII, 366; mg. schwä 4, 509. Montanus ,,Wegk. 37. Mahrold 59. Wickram „Gabriotto“ s. 353, 331); „Knabenspiegel“ s. 61. Vgl. „Montanus“ s. 577.

IV, 6. Gabriotto stirbt in den Armen seiner Geliebten Andreola. Sachs mg. schwä 3,6. Wickram „Gabriotto“ ?). IV, 7. Pasquino stirbt nach dem Genusse eines Salbeiblattes in den Armen Symonas. Des Mordes angeklagt nimmt diese, um den Hergang zu verdeutlichen, ebenfalls ein Blatt des Salbeis in den Mund und stirbt auch. (Eine Kröte hatte den Salbei vergiftet).

Sachs mg. „Ambraser Liederbuch“ Nr. 204, s. 349; sg. K.

II, 223. IV, 8. Geronimo stirbt an der Seite seiner Geliebten.

Sachs sg. K. II, 213. Montanus ,,Wegk.“ 38. Mahrold 60. „Wendunmuth“ IV,8. Vgl. „Ges. Abent.“ XIV; XII. Wickram „Gabriotto“; vgl. Tiedge 15.

IV,9. Ein Ritter gibt seiner Gattin das Herz ihres Buhlen zu essen. Sie stürzt sich darauf zum Fenster hinaus. Mahrold 86. Wickram „Gabriotto“; vgl. Tiedge s. 9. IV, 10. Ein Buhler trinkt im Hause seiner Geliebten, der Frau eines Arztes, versehentlich einen betäubenden Trank. Als tot wird er von der Frau aus dem Hause geschafft und in einen Schrein gelegt. Hier kommt er wieder zu sich, wird als Dieb festgenommen, am nächsten Tage aber durch seine Geliebte gerettet.

Sachs mg. schwä 4, 262; com. K. XIII, 244. Montanus „Gartg.“

95. Frey „Gartg.“ 95.

1) S. Tiedge s. 19.

2) S. Tiedge s. 13. Doch hat Wickram nicht nur den Namen seines Titelhelden „Gabriotto“ aus der Dec.-Novelle. Der Name der Heldin Phi- lomene stammt ebenfalls aus der Übersetzung, sogar aus derselben Novelle, jedoch aus der Einkleidung. Philomena ist die Erzählerin von Dec. 4, 5. Dec. s. 281. 14: „Frawen Philomena neue mär den züchtigen frawen ser geliebet vnd gefallen het.“ Nicht unerwähnt lassen möchte ich, daß in Gabriottens Traum (Dec. s. 283) ein Windspiel sein Herz zerfleischt und Hund und Herz in Reinhardts Traum im ,,Gabriotto“ (S. 307) wieder- kehren.

10 Ubersicht V, 1—V, 9. 10

V, 1.

Cymon wird durch die Liebe zu einem Weibe vernünftig und

erringt sich die Geliebte. Sachs mg. Goed. „Dichtg.“ I, 190; sg. K. II, 207. Montanus „Cymon und Iphigenia“. „Etliche Historien unnd fabulen —“. Durch Christ. Brun. von Hyrtzweyl nr. 10. 1541. V, 3. Ein Liebespaar entflieht aus Rom und gelangt nach mannig- fachen Abenteuern zu seinem Ziele. Sachs mg. schwä 3,153; sg. K. XXII, 301. Wickram „Knaben- spiegel“; vgl. Tiedge s. 20. V, 4.

Kin Ritter zwingt einen jungen Edelmann, den er bei seiner

Tochter findet, sein Kind zu heiraten. Sachs mg. schwä 6, 937. Mahrold 96. Wickram ,,Rollwagen“ 75. Vgl. „Ges. Abent.“ XXV. „Altd. Dichtg.“ v. Meyer u. Mooyer 1714—77. V, 5.

Um eine Jungfrau bewerben sich zwei Gesellen. Da sich die Maid als Schwester des einen entpuppt, so steht einer Verbindung mit dem andern nichts mehr im Wege.

Sachs sg. K. XXII, 437. V, 7.

Ein Knecht schwängert die Tochter seines Herrn. Als man ihn zum Tode führt, findet er seinen Vater wieder, und alles endet zum besten.

Sachs sg. K. II, 237; com. K. VII, 340; mg. schwä 4, 353. Mahrold 98. V, 8. Ein Ritter wirbt lange vergebens um eine Frau. Durch eine Erscheinung (ein Ritter hetzt ein Weib) wird sie endlich bewogen, ihm ihre Hand zu reichen. Sachs sg. K. U, 245. Pauli „Schi. u. E.“ nr. 228 = „kurtz- weilige und lächerliche Geschicht vnd Historien‘“ 1583 s. 73. V, 9. j

Ein Edelmann gibt für eine Frau all sein Gut hin. Selbst sein Lieblingsfalke muß zu einem Imbiß für sie sein Leben lessen. Durch so viel Liebe bezwungen nimmt die Frau nach dem Tode ihres Gatten den Edelmann zur Ehe.

Sachs mg. schwä 3, 149 = Goed. „Dichtg.“ I, 137; sg. K.XXII, 299.

11 Übersicht V, 10—VII, 1. 11

V, 10.

Ein Mann (Päderast) findet einen Buhlen bei seiner Frau. An- statt seiner Frau zu zürnen, lädt er den Gesellen zum Nacht- mahle ein.

Montanus „Gartg.“ 94. Lundorp ,,Wissbadisch Wissenbrinlein ‘‘ I, Nr. 75, 1610.

VI, 1. Ein Ritter ist nicht im stande, eine Edelfrau zu unterhalten. Sachs mg. schwä 4, 481.

VI, 4.

Ein Koch behauptet, die Kraniche hätten nur ein Bein (das andere hat seine Geliebte erhalten) und beweist dies seinem Herrn am nächsten Tage.

Sachs mg. schwä 3, 121; sg. schwä 1, 64 = K. XXII, 234; mg. schwä 2,247 = K. IX, 474. Montanus „Gartg.“ 77. Pauli „Schi.

u. E.“ 57. VI, 5.

Ein Maler und ein Jurist treffen sich auf einer Landstraße beide sehr vom Wetter mitgenommen und spotten über ihr Aus- sehen.

Sachs mg. schwä 4, 465. Vi, 7.

Eine Frau, die sich wegen Ehebruchs vor Gericht zu verant- worten hat, erlangt ihre Freisprechung. „Zimm. Chron.“ II, 18, 21. Mahrold 87.

VI, 10.

Mönch Zwieffel will die Feder des Engels Gabriel zeigen. Da er aber Kohlen in seinem Kästchen findet, gibt er diese für die aus, mit denen der hig. Lorenz geréstet wurde.

Sachs mg. schwä 3, 117; sg. schwä 1,61 = K. XXII, 226; sg. schwä 2, 217 = K. IX, 420. Bebel „facetiae* 1590 bl. 21b = Frischlin „fac. select.“ 1600, 28. „Facetiae Bebelii“, deutsch. 1606, 95. „Montanus „Gartg.“ 104. „Facetiae Bebelii“ 1590 bl. 22a = Frischlin, „fac. select.“ 1600 S. 28. Bebel, deutsch 1606 S. 97. „Zimm. Chron.“ II, 491. „Wendunmuth“ I.; 2,77; I.; 2,76; V., 47.

VII, 1. Ein Weib gibt ihrem Buhlen, der sie des Nachts besuchen will, geschickt zu verstehen, daß ihr Gatte zu Hause ist. Sachs mg. schwä 3, 118; sg. schwä 1,62 = K. XXII, 228.

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12 Ubersicht VII, 2—VII, 7. 12

VII, 2.

Kine Frau verbirgt ihren Buhlen vor dem heimkehrenden Gatten in einem Olfasse. Fir dieses FaB hat der Gatte einen Käufer mit- gebracht. Die Frau bedeutet ihrem Manne, sie habe das Faß bereits verkauft, der Käufer besichtige es grade.

Luscinius „Joci ac sales“ 1524 nr. 173 = Gast „Convival. Quast.“ (1541) 1549, S. 20. Montanus „Gartg.“ 55. Vgl. „Ges. Abent.“ XLI.

VII, 3. Ein heimkehrender Gatte findet seine Frau mit einem Mönche

im Schlafzimmer und bekommt bedeutet, seinem Kinde würden die Würmer beschworen. Montanus „Wegk.“ 31. Mahrold 48.

VII, 4. l Ein verbuhltes Weib findet sich durch ihren Gatten ausgesperrt.

Sie stellt sich, als würfe sie sich (einen Stein läßt sie hineinfallen) in den Brunnen. Der Mann verläßt das Haus, sie eilt hinein und sperrt nun ihn aus.

Sachs mg. schwä 3, 238; fastn. K. 1X, 96. Montanus „Gartg.“ 79. Bütner „Claus Narr“ 1602 S. 98.

VII, 5.

Ein Eifersüchtiger hört, als Priester verkleidet, seiner Frau Beichte, wird von ihr angelogen und gibt ihr durch seine Eifersucht die Möglichkeit zur Untreue. |

Sachs. mg. schwä 3, 154; sg. K. XXII, 303 = schwä 1, 74; fast. 45, K. XVII, 29. Montanus „Gartg.“ 56. „Wendunmuth“ III, 245. Gallus „Mensa philosophica“ 1508 bl. 35b. „Schertz m. d. W.“ bl. 75a. 1550.

VII, 6.

Eine Frau hat zwei Buhlen bei sich, als ihr Gatte heimkehrt. Es gelingt ihr, sich glücklich aus der Affäre zu ziehn.

Sachs fastn. 43, K. XVII, 17. Luscinius „Joci ac sales“ 1524 nr. 171 u. 173 = Gast ,Convival. serm.“ 1549 s. 27 u. 1541 „de adultera“. Bebel 1590 nr. 261. „De quodam in adulterio depre- henso“). Bebel deutsch 1608 s. 382. „Wendunmuth“ I, 323. Ayrer 44.

VII, 7. ' Um sich Gelegenheit zu verschaffen, mit ihrem Knechte zu buhlen,

sendet eine Frau nachts ihren Gatten unter dem Vorwande in den Garten, der Knecht habe sie zum Stelldichein dorthin beschieden. Der Gatte gehorcht und wird vom Knecht durchgepriigelt. Sachs mg. schwä 4, 383. „Brief des fahrenden Humanisten Samuel Karoch von Lichtenberg“ = Bolte „Montanus Schwank-

13 Übersicht VI, 8—VIII, 1. 13

bücher“ s. 5461). Baechtold „Germania“ 33, 273. Mone ,An- zeiger“ IV, 433. Uhland „Volkslieder“ nr. 289. Montanus „Der untreu Knecht“; Möller s. 75. Waldis „Esopus“ IV, 81.

VII, 8.

Ein Mann ertappt seine Frau bei einer Untreue. Eine alte Dienerin nimmt die Stelle der Frau im Bette ein und wird von dem Manne entsetzlich zugerichtet. Als er sich dann entfernt, um seine Schwäger zu holen, treffen sie die Frau ohne jede Verletzung an, und der Mann steht als Lügner da.

Sachs. mg. schwä 3, 156; sg. schwä 1, 75 = K. XXII, 305. Keller „Erzählung. a. altd. Handschrft.“ s. 810, „Der Pfaff mit der Snuer“; s. 324 „Ain spruch von ainer frawen, die ain Pfaffen bulett“. Vergl. „Ges. Abent.“ XLIII. Baechtold „Germania“ 33, 267. Mahrold 88. Ayrer 47 ?).

VII, 10. Ein Geselle erscheint einem Freunde nach seinem Tode und

macht ihm Enthüllungen aus dem Jenseits. „Zimm. Chron.“ I, 313. VIII, 1. Eine habgierige Frau, die nur für Geld ihre Liebe verschenken will, zwingt ein Geselle dazu, ihm umsonst zu Willen zu sein.

Sachs mg. schwä 3, 236; mg. schwä 5, 700. Bebel 3, 49 (1514) = Frischlin 1600 bl. 84; „Facetum cuiusdam Francigenae“. Bebel deutsch 1606, s. 452. Hans Vogel mg. „Das schön goltsschmitts weib“, 18. April 1539 = Montanus ,Schwankbiicher“ ed. Bolte s. 540. Mahrold 89. Der Mörser aus Dec. VIII, 2 ist hinzu- genommen: Waldis „Esopus“ 1556; IV, 27. Meisterlied von Watt v. 1. April 1592. „Der Student mit dem Mörser“ = Bolte „Mon- tanus Schwankbücher“ s. 541°). Frey ,Gartg.“ 76%). „Wege-

1) Es finden sich in diesem Briefe auch wörtliche Berührungen mit der Übersetzung. 2) „Wendunmuth“ 7, 164 geht wohl auf „Bidpai“ zurück, da an die Stelle des abgeschnittenen Haares die verstümmelte Nase getreten ist. 3) Dies Meisterlied ist ein Plagiat an Waldis „Esopus“ IV, 27. Ich führe zum Beweis nur die ersten Zeilen an: Waldis „Esopus“ IV, 27, 1. f.: „Im Beierlandt zu Ingolstadt, Welch auch eine Hohe Schulen hat, Vnd viel Studenten vber Jar, Darunter einer von Augspurg war, Eins Goldtschmidts Son Felix genant, Dem het sein Vater Gelt gesandt —“.

14 Ubersicht VIII, 2—VIII, 6. 14

körter“ 1592, 7. Keller „Erzähl. a. altd. Hdschft.“ s. 334. „Kurtz- weilige und lächerliche Geschicht“ 1583 s. 191. VIII, 2.

Ein Pfaff muß einer Bäuerin, die ihm ihre Liebe nicht umsonst gewähren will, seinen Chorrock als Pfand für eine Geldsumme zurück- lassen. Mittelst eines der Bäuerin gehörigen Mörsers gelangt er je- doch wieder in den Besitz seines Eigentums.

Sachs mg. schwä 3, 237; sg. schwä 1, 80 = K. XXII, 332. Montanus „Gartg.“ 102. Lindener „Rastbüchl.* 26. „Wendun- muth“ 3, 176. Mahrold nr. 73. VII, 3.

Kalandrin erhält von Bruno und Buffelmacho vorgespiegelt, er sei im Besitze des unsichtbar machenden schwarzen Steines.

Sachs mg. schwä 4, 346; sg. schwä 2, 233 = K. XXI, 173. VIII, 4.

Ein Probst stellt einer Witwe nach. Diese gewährt ihm schließ- lich ein Stelldichein und legt ihn zu ihrer häßlichen Magd. So findet ihn sein Bischof.

Sachs mg. schwä 4, 257. Tünger „facet.“ 30. „Zimm. Chron.“ II, 238. „Wendunmuth“ I, 331; 330. Vgl. Keller „Fastnacht- spiele“ nr. 13, S. 117 = B. d. L. V. Bd. 28—30 u. 46. Eine An- spielung: „Zimm. Chron.“ III, 77. VIII, 6. Bruno und Buffelmacho stehlen Kalandrin einen Schweinebraten = und lassen durch ein „Gottesurteil“ diesen als Dieb erscheinen. Sachs mg. schwä 4, 347; fastn. 41, K. XIV, 220. „Wendun- muth“ I, 181. Pauli „Schi. u. E.“ nr. 679. „Schertz m. d. W.“ 1550 bl. 70a; 1563 bl. 74a.

Watt bei Bolte „Schwankbücher,“ s. 541, 29f.: - „Nun hört, im Beierland zu Ingolstatt Da es ein hohe schule hatt Vnd vil studenten über ia (re), Bei den einer von Augspurg ware, Eins goldschmids sun, der war Felix genandt, Dem sein vatter auss lieb gelt het gesandt etc.“

(Anm. 4 s. Seite 13.)

4) An einer Stelle zeigt die von Keller mitgeteilte Erzählung Ähn- lichkeit mit Frey „Gartg.“ 76: Keller s. 334: „Die wöllt ich alle geben gernn Daz ich bey der frawn heintt soltt schlafenn!“ Frey: „Da wolt ich mein guldin ketten umb geben.“

15 Übersicht VIII, 7—IX, 2. 15

VIII, 7.

Ein Student nimmt Rache an einer Witwe, die ihn eine Nacht hat im Schnee zubringen lassen, indem er sie einen Tag lang nackt der Sonne aussetzt.

Sachs mg. schwä 3, 190 = Goed. „Dichtg.“ I, 179. Bütner „Epitome histor.“ 1576 bl. 59. VIII, 8.

Ein Geselle erfährt, daß sein bester Freund mit seinem Weibe zu buhlen pflegt. Mit Hilfe seiner Frau muß ihm des Freundes Weib auch zu Willen sein.

Montanus „Gartg.“ 59. Lindener „Rastbüchl.“ 25. Mahrold 90. Keller „Erzähl. a. altd. Hdschft.“ s. 387. („Die Wiederver- geltung“.) VIII, 9.

Bruno und Buffelmacho werfen den Arzt Simon, statt ihn „in den Venusberg“ zu bringen, in eine Kotgrube.

Sachs mg. schwä 3, 181; sg. schwä 1, 78 = K. XXII, 319. Äyrer 32. VIII, 10.

Eine Buhlerin bringt einen Kaufmann um all sein Gut. Durch List erlangt er seinen Besitz zurück und außerdem noch eine be- deutende Summe.

Sachs fastn. 23, K. XIV, 84.

IX, 1. Einer Frau gelingt es, sich zweier Buhler zu entledigen.

Sachs mg. schwä 3, 119; sg. schwä 1,63 = K. XXII, 230; sg. schwä 2, 218; fastn. 84, K. XX, 47 = Tittmann III, 253. Maltzahn „Deutscher Bücherschatz s. 204, nr. 12441). Pauli „Schi u. E.“ 220 = „Schertz“ m. d. W.“ 1550 bl. 39b; 1563 bl. 42 „Kurtzweilige und lächerl. Geschicht“ s. 69. Hulsbusch „Sylva sermonum“ 1568 8. 242,

IX, 2. Eine junge Nonne, bei der man einen Edelmann gefunden hat, soll von der Äbtissin zur Rechenschaft gezogen werden, jedoch muß

1) Maltzahn zitiert den Sonderdruck versehentlich zu Dec. VIII, 1. Den Holzschnitt beschreibt Maltzahn: „Ein Mann trägt eine Frau auf der Schulter, eine andere Frau sieht von der Burg auf sie herab —“. Unter der „Frau“, die auf der Schulter getragen wird, ist natürlich Alexander zu verstehn, den M. wegen des langen Totenkleides für ein Weib hielt. Der Holzschnitt ist wohl identisch mit dem in „Schertz m. d. W.“ 1550 bl. 39b.

16 Ubersicht IX, 3—IX, 8. 16

diese bald abbrechen, da ein Mönchsunterkleid statt der Haube auf ihrem Haupte ihre eigene Unkeuschheit zeigt. Sachs mg. schwä 4, 263; sg. schw& 1, 85 = K. XXII, 343. Adelphus ,Margar. facet.“ 1509 bl. iij. O. ,de correptoribus cri- minosis*. Montanus „Gartg.“ 109. Waldis „Esopus“ IV, 33. Scotus „Mensa philosophica“ 1608 p. 284; liber IV. c. 42 „de beginis.“ Mahrold 92. IX, 3.

Kalandrin erhält von seinen Gesellen und dem Arzt Symon vor-

gespiegelt, er sei schwanger. Sachs mg. schwä 3, 172; sg. schwä 1,77 = K. V, 126; fastn. 16, K. IX, 23. Wickram „Rollwagen“ 4. Keller „Erzähl. a. altd. Hdschft.“ s. 463. („Der Müller mit dem Kinde“.) Mahrold 93. Vgl. „Ges. Abent.* XXIV'). IX, 4.

Ein dem Spiel ergebener Knecht bringt seinen Herrn um all sein Gut.

Sachs mg. schwä 3, 215; sg. schwä 2, 246 = K. IX, 470; fastn. 81, K. XXI, 76. IX, 5.

Kalandrin buhlt um eine Dirne und wird bei einem Stelldichein von seiner Frau überrascht.

Sachs mg. schwä 4,466; fastn. 62, K. IX, 120; mg. stud. II. anhg. 1 = schwä 6, 947. IX, 6.

Zwei Gesellen übernachten bei einem Wirte. Der eine schläft bei dessen Tochter, der andere bei seiner Frau. Als der Wirt etwas - von dem Handel merkt, wird ihm bedeutet, er habe geträumt.

Sachs. mg. schwä 6, 899. Montanus „Gartg.“ 86. Lindener „Rastbüchl.* 24. Mahrold 94. Vgl. „Ges. Abent.“ LV. IX, 7.

Ein Mann träumt, seine Frau werde von einem Wolfe gewürgt, und bittet sie, das Haus nicht zu verlassen. Sie tut es doch, und der Traum geht in Erfüllung.

, Sachs mg. schwä 4, 295 = Goed. „Dichtg.* I, 205.

IX, 8.

Bondello führt Ciecco mit einem Essen an. Ciecco rächt sich

und verschafft ihm Prügel. Sachs mg. schwä 4, 419.

1) Über den mg. eines nichtgenannten Meistersängers vom 15. März 1549 s. zu schwä 1, 77, Anm.

17 Ubersicht IX, 9—X, 8. 17 IX, 9. Salomon erteilt Rat, wie man sich die Liebe seiner Mitmenschen und ein gehorsames Weib verschafft. Sachs mg. schwä 3, 191 = Goed. „Dichtg.“ I, 18; fastn. 29, K. XIV, 124. Mahrold 95. IX, 10. Ein Pfaffe macht das Weib seines Gevatters auf dessen Wunsch zu einer Roßmutter. Montanus „Gartg.“ 111. X, 2. Bin Ritter heilt einen Abt von einem Magenübel. Sachs mg. schwä 3, 70 = Goed. „Dichtg.“ I, 101; fastn. 27, K. XXI, 3. „Wendunmuth“ I, 76. X, 4. Eine schwangere Frau wird in einer Ohnmacht als tot begraben. Ein Ritter, der sie liebt, sucht sie im Grabe auf und rettet sie. Sachs sg. K. I, 204. ,,Zimm. Chron.“ I, 310. X, 6. König Karl bezwingt seine Leidenschaft zu den Töchtern eines- Ritters. Sachs sg. K. XXII, 418; sg. K. XX, 445. X, 7. Lisa verliebt sich in den König Peter und wird von diesem, der durch einen Spielmann von ihrer Leidenschaft vernimmt, geheilt. Sachs sg. K. II, 201. Wickram ,,Galmy“; s. Tiedge s. 4!). X, 8. Titus’ und Gisippus’ Freundschaft. Seb. Franck „Zeytbuch“ 1531; CXiii; daraus Sachs K. II, 300. Sachs com K. XII, 15. Montanus ,,Wegk. 42. Mahrold 1. Mon- tanus „Spiel von Titus und Gisippus“; vgl. Möller s. 68. Wickram „Galmy“; s. Tiedge s. 6°). „Hyrtzweyl“ nr. 9.

1) Hinzufügen möchte ich noch, daß in der Übersetzung Lisa als „eines schlechten Mannes Tochter“ bezeichnet wird, ‚während sich Galmy einen „schlechten Ritter‘ nennt. Peter sucht im Dec. Lisa in Begleitung von zwei Dienern auf, und die Herzogin kommt bei Wickram mit zwei Dienerinnen zu Galmy. Auch wörtliche Anklänge finden sich zwischen „Galmy“ und Dec. X, 7. Vgl. Dec. s. 620, 82ff. mit ,,Galmy“ s. 7, 24 und s. 8, 2.

2) Tiedges Ausführungen seien dahin ergänzt, daß sich im „Galmy“ auch eine Reihe von Stellen finden, die große Ähnlichkeit mit der Uber-

Julius Hartmann, Hans Sachs und Steinhöwel. 2

18 Übersicht X, 9—X, 10. in 0 Ein Kaufmann, der einst dem Sultan von Babylon Gastfreund- schaft erwiesen hat, wird später reichlich dafür belohnt. „Zimm. Chron.“ I, 287. Erh. Lurcker „Ein hüpsche historien von einem Ritter . . . Thorelle“; s. Möller s. 44. Ayrer 22. X, 10. Griseldis. Sachs com. K. II, 40 = Tittmann III, 48. „Wendunmuth“ IV, 861). Komödie „Grysel“ v. einem Unbekannten; s. Möller s. 46. Mauricius „Comödie v. Graff Walther v. Salutz vnd Grisolden“; s. Möller s. 54. Pondo „Historia Walthers eines Welschen Marg- grafen‘‘; siehe Möller s. 59. „Schertz m. d. W.“ 1550 bl. 23b.; 1563 bl. 25b. Mahrold 64.

setzung zeigen. Vgl. Dec. s. 629, 4 „Galmy“ s. 4, 10

29 s. 5,1

15 22

30 s. 6, 14 s. 630, 13 s. 10, 20.

Ziehen wir ferner die sachliche Übereinstimmung in Betracht, so dürfte das Urteil Tiedges s. 7: „Immerhin läßt sich auch hier nicht viel mehr als die Möglichkeit einer Entlehnung behaupten“, notwendigerweise dahin ab- zuändern sein, daß Wickrams Benutzung der Dec.-Übersetzung auch für den „Galmy‘“ als durchaus sicher erscheinen muß. S. auch oben zu Dec. X, 7.

1) Oesterley zitiert versehentlich zu Dec. IX, 10.

Sachsens Verhältnis zu der sogenannten Steinhöwelschen Decameronübersetzung.

I. Allgemeines.

Im Jahre 1894 kündigte Carl Drescher eine Arbeit an, die den Einfluß Boccaccios auf H. Sachs zum ersten Male zusammenfassend darstellen sollte. In seiner ersten „mehr einleitenden“ !) Abhandlung war die Einwirkung von Boccac- cios „De claris mulieribus“ auf Sachs dargelegt?) Eine Fortsetzung zu Dreschers Ausführungen ist nicht erfolgt, und so dürfte die folgende Arbeit, die sich mit den Be- ziehungen zwischen Sachs und dem Decameron beschäftigt, nicht überflüssig sein. Daß H. Sachs aus Dec. geschöpft hat, ist längst dank Dreschers, Goetzes und Stiefels verdienst- lichen Forschungen bekannt, jedoch noch nicht untersucht ist die Art und Weise, wie er es getan hat, wie weit er in seinen Entlehnungen geht und in welchem Umfange eigenes Schaffen in Betracht kommt. In diesem Sinne ist die folgende Arbeit gedacht.

Wie aus vorstehender Ubersicht hervorgeht, haben drei Autoren des 16. Jahrhunderts am ausgiebigsten aus der Übersetzung geschöpft: Sachs, Montanus und Mahrold?). Soll zwar in folgender Arbeit vornehmlich das Verhältnis Sachsens zur Decameronübersetzung dargelegt werden, so mögen doch auch Montanus und Mahrold kurz unter dem- selben Gesichtspunkte betrachtet sein. Die Fastnachtspiele

1) Vergl. Jahresbericht f. Neuere dt. Litg. (1894), 5.; IL, 4.b.; 72. 2) Festschrift z. H. Sachs-Feier, gewidmet v. d. Z. f. V. L. R. Weimar 1894, S. 5—19. „Hans Sachs und Boccaccio I.“; vorher i. d. Z. f. V.L. R. 7, (1894) 402 ff. 3) Ich rechne Mahrold noch zum 16. Jahrh., obgleich sein „Rold- marsch-Kasten“ die Zahl 1608 trägt. 2%

20 Hinweis anf die Quelle. 20

von H. Sachs glaubte ich aus dem Rahmen meiner Arbeit ausscheiden zu miissen, da sie von Geiger ,Hans Sachs als Dichter in seinen Fastnachtspielen im Verhältnis zu seinen Quellen“, Halle 1904, mit behandelt und ihre Beziehungen zu Decameron bereits von Mac Mechan „The Relation of Hans Sachs to the Decameron“, Diss. Halifax 1889!) unter- sucht sind?). Erst nach Vollendung meiner Arbeit wurde mir Eug. Geiger „H. Sachs als Dichter in seinen Fabeln und Schwänken“, Progr. 1908, bekannt. G. behandelt schwä 1 und 2. Ich habe gelegentlich auf seine Ausführungen ver- wiesen.

Vorteilhaft sticht Sachs von den Autoren des 16. Jahr- hunderts ab. Ist er doch der einzige, der es verschmäht, sich mit fremden Federn zu schmücken, und vielmehr in fast allen seinen Dichtungen einen deutlichen Hinweis auf die von ihm benutzte Quelle gibt.

So beginnt er vielfach ein Gedicht mit einem:

„Man list in cento nouella,“ „In seim buch Centum Novella

Thuet Pocacius leren“, „Wie ich in Pocacio las“ etc.; oder er zitiert am Schlusse seine Vorlage: „Schreibet Pocacius gerade“, „Johannes Pocacius schriebe*. Einmal schwä 3,118°) führt er sogar die Tagereise an (= VII, 1): „Bocacius duet vns peschreiben In der tagrais von listing weiben, Wie zw Florencz ein verber sas“. Ein andermal spricht er schwä 3,4 des längern über seine Quelle:

1) In seiner Besprechung, Lit. Bl. f.germ.u. rom. Phil. 15, 5—6, tadelt Drescher vor allem die Äußerlichkeit der Untersuchung („er beschränkt sich auf eine schablonenmäßig 13 mal wiederholte Einzelvergleichung zwischen Fastnachtspiel und Novelle“).

2) Die Arbeit von Jones „Boccaccio and his imitators in german, englisch etc. Literatur“ war mir leider nicht zugänglich.

3) Schwä 8,118; so zitiere ich Goetze und Drescher „Sämtl. Fabeln

21 Dauer der Benutzung. 21

„Ein puch cento nouella